Bettina Klinkig: Mein Corona-Tagebuch

Bettina Klinkig

„Mein Corona-Tagebuch“

Ich bin Zeichnerin. Urban-Sketcherin, um genau zu sein. Das sind Leute, die ihr Leben und ihre Umgebung in Bildern dokumentieren. In den letzten sechs Jahren habe ich genau das getan, hatte mein Skizzenbuch oder meinen kleinen Block immer dabei, dazu einen Fineliner, Pinsel und Aquarellfarben. Im Laufe der Jahre ist die Ausstattung immer kleiner geworden. Der Aquarellkasten ist inzwischen nur noch so groß wie ein Visitenkartenetui, der Block 10×10 cm groß, der Pinsel ein Wassertankpinsel mit Wasserreservoir, so dass ich kein Fläschchen mehr mitnehmen muss.

Dann kam Corona. Kurz vorher, im Februar 2020, war ich noch in Marrakesch und Rom gewesen, hatte auch dort schon ein visuelles Tagebuch geführt – jeden Tag ein Bild und einen kurzen Text dazu. Da lag es nahe, auch die Corona-Zeit zeichnerisch zu begleiten. Wir alle hatten so etwas noch nicht erlebt: verordnetes Daheimbleiben, Beschränkungen unseres Alltags in einem Maße, wie wir es uns vorher nicht hätten vorstellen können. Ich bastelte mir ein Leporello aus Aquarellpapier mit 12 Seiten – länger wird es schon nicht werden, dachte ich. Und fing an. Ich schrieb auf, wie die Ausgangssperre mein Familien- und Berufsleben veränderte, wie ich mich fühlte, wie wir mit der veränderten Situation zurechtkamen, wie jeder eine eigene Strategie entwickelte, mit den Gegebenheiten dieser Zeit zurechtzukommen.

Die Ausgangssperre dauerte an, aus einen Leporello wurden vier, die Zahl der Tage wuchs auf 46. Ich postete die Bilder auf meinem Instagram-Account und bekam viele ermutigende Kommentare. Irgendwann fing ich an, sie täglich zusätzlich in meinen Whatsapp-Status einzustellen. Und auch hier war ich überrascht, wie viele meiner Bekannten und Freunde sich die Bilder ansahen, die ich meist ohne Text veröffentlichte, und wie viele Rückmeldungen ich bekam.

Dann wurde überraschend die Ausgangssperre aufgehoben. Ich beendet mein Tagebuch und informierte meine Mitschauenden und Mitlesenden darüber – und bekam viele enttäuschte Nachrichten, dass sie jeden Tag auf mein Bild gewartet und sich drüber gefreut hätten, was ich thematisierte.

Ich mache weiter. Jeden Tag ein Bild und einen Text. Corona ist noch nicht vorbei. Wir fangen jetzt erst langsam wieder an, zu unserem früheren Leben zurückzukehren. Manche kehren nicht mehr dazu zurück. Weil sie nicht können, oder weil sie nicht wollen. Ich sehe mein Tagebuch als Zeitdokument. Daher ist es auch sehr persönlich und nicht immer perfekt. Ich hoffe, es macht trotzdem Spaß, darin zu blättern und mich in meinem Corona-Alltag zu begleiten.

Vita

Bettina Klinkig „frauklinkig“ wurde am 20. Januar 1966 in Bad Wildungen (Nordhessen) geboren. Ihre Mutter, als Modegrafikerin ausgebildet an der Meisterschule für Mode in Hamburg, führte schon früh daran heran, dass perspektivisch zu zeichnen – und Zeichnen allgemein – viel mit Sehen und Beobachten zu tun hat.

Während des Studiums von Theologie, Mathematik, Französisch und Architektur in Marburg und Köln nutzte sie die von der Uni angebotenen Kurse in Aquarellmalerei (1986), Freie Grafik (1987) und Lithographie (1988), belegte Zeichen- und Aktzeichenkurse beim Ökobildungswerk Köln (1990) und nahm sämtliche Zusatzkurse in Aktzeichnen und Freihandzeichnen während des Architekturstudiums (1991–1998) wahr.

2005 entdeckte sie das Acrylmalen für sich. Die Möglichkeit, kräftige Farben zu nutzen, begeisterte sie, so dass viele Lieblingsreisefotos als Acrylbilder umgesetzt wurden.

Urban Sketching begann frauklinkig bereits 1989: Im Türkeiurlaub – die erste Reise außerhalb Europas und ohne Fotoapparat – war sie von der Landschaft so beeindruckt, dass sie die Ebene von Tavas, die Felsengräber von Dalyan und die Bucht von Kaş in ihr Tagebuch zeichnete.

Ende 2013 entstand eine Serie mit Asphaltrissen, in deren abfotografierten Bildern Tiere lebendig wurden, die „Asphalt-Tiere“. Parallel dazu beschloss frauklinkig, das bislang nur in Urlauben mitgenommene Skizzenbuch nun immer dabei zu haben. So entstanden in den Jahren 2014 – 2019  hunderte von Zeichnungen, die als Erinnerung und Dokumentation dienen. Die Ausbildung als Architektin bringt es mit sich, dass dabei immer wieder städtische Szenen auf’s Papier kommen – ungeschönt, mit Verkehrszeichen und parkenden Autos, mit Gerüsten und Baustellenschildern.

Bisherige Ausstellungen

  • 07/2008: Café Schwarzer Riese – Acrylbilder
  • 11/2008: Zahnarztpraxis Dr. Ebert – Acrylbilder
  • 03/2014: Kunst im Quartier „Asphalt-Tiere“
  • 02/2015: Kunst im Quartier „Moment mal – Momente malen“
  • 03/2015: Café Schwarzer Riese „Urban Sketching“
  • 07/2015: Pfostengalerie Kleberstraße „Asphalt-Tiere“
  • 10/2015: Bob Maiers Kunsthaltestelle am Mainufer „Reiseskizzen Kopenhagen“
  • 03/2016: Kunst im Quartier „Reiseskizzen: unterwegs auf der Autobahn“
  • 04/2016: Artothek der VHS Aschaffenburg
  • 10/2016: Café Schwarzer Riese „Urban Sketching – Zeichnen unterwegs“
  • 03/2017: Kunst im Quartier „Was bleibt – bleibt was?“
  • 07/2017: Bachsaal Christuskirche Aschaffenburg „Luther eigenARTig – frauklinkig malt luther. aus.“
  • 03/2018: Kunst im Quartier „Im Hinterhof“
  • 05/2018: Museumsnacht Aschaffenburg „Unterwegs sein“ – Künstler sehen den Jakobsweg
  • 11/2018: Motiv der Aschaffenburger fairtrade Stadtschokolade von Zotter
  • 06/2019: Meaux (Frankreich) Galerie ‚Echappée solidaire‘ „Tausche Zeichnung gegen Essen“
  • 07/2020: Aschaffenburger Kulturtage online „Corona-Tagebuch“

www.frauklinkig.de